Auszug aus dem Elfenbeinturm
Größte deutsche Wissenschaftlerbefragung zu Medienkontakten
Viele Wissenschaftler möchten über die Medien ein breiteres Publikum erreichen und mit ihrem Fachwissen auch politische Entscheidungen beeinflussen. Dieses Bild zeichnet sich bei der bislang größten deutschen Befragung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über ihre Medienkontakte ab, die am 31. Juli endet. Von Forschung im Elfenbeinturm oder einem Rückzug ins stille Kämmerlein kann also keine Rede sein. Der Jülicher Kommunikationswissenschaftler Hans Peter Peters rechnet ab dem 1. August 2011 mit den ersten endgültigen Ergebnissen. Seine Arbeitsgruppe hat rund 1600 Wissenschaftler über Häufigkeit, Art und Bewertung ihres Umgangs mit Medien und Journalisten befragt.
Durch die Untersuchung lassen sich die Einstellungen und Erfahrungen von Forschern aus unterschiedlichen Disziplinen direkt miteinander vergleichen. Sie soll Fragen beantworten, wie: Wie unterscheiden sich die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in ihrem Verhältnis zu den Medien? Fördert oder schadet Medienpräsenz der wissenschaftlichen Karriere? Und wie stark wird die Forschung selbst durch die Medien beeinflusst?
Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Disziplinen fallen in einer vorläufigen Auswertung teilweise ziemlich deutlich aus. Über die Hälfte der Geistes- und Sozialwissenschaftler hatte in den letzten drei Jahren mehr als fünf Medienkontakte. Unter den Mathematikern und Naturwissenschaftlern kam dagegen nicht einmal jeder fünfte auf diese Zahl. "Dies liegt zum einen an der unterschiedlichen journalistischen Nachfrage, zum anderen aber auch schlicht an der unterschiedlichen Größe der Fächer. In großen Fächern verteilt sich Medieninteresse auf eine größere Zahl von Wissenschaftlern", meint Projektleiter Hans Peter Peters. Interessanterweise scheint auch das abgefragte Wissen je nach Fachgebiet zu variieren: "Wissenschaftler in sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern werden oft gebeten, gesellschaftliche Themen oder Probleme auf Basis ihres allgemeinen Expertenwissens zu kommentieren. Bei Fächern wie Archäologie, Neurowissenschaften oder Chemie stehen dagegen deutlich häufiger konkrete Forschungsergebnisse im Vordergrund", so Peters.
Bei der Beurteilung der Berichterstattung über das eigene Fach gibt es unter den Wissenschaftlern teils positive, teils kritische Ansichten. "Die allgemeine Darstellung kommt aber häufig schlechter weg als die eigenen, konkreten Erfahrungen", sagt Hans Peter Peters. Über 60 Prozent bewerten die eigenen Medienkontakte als gut, nur drei Prozent als schlecht. In allen Fächern zeigen sich Wissenschaftler außerdem durchweg daran interessiert, sich mit ihrem Wissen an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen. Fast 80 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Wissenschaftler ihre Expertise nutzen sollten, um politische, wirtschaftliche und andere gesellschaftliche Entscheidungen zu kritisieren oder praktische Handlungsvorschläge zu machen. Das Bestreben nach Medienaufmerksamkeit zeigt auch Rückwirkungen auf die Wissenschaft selbst: "Aus unseren Daten lässt sich herauslesen, dass es in den verschiedensten Fächern so etwas wie eine Medialisierung der Wissenschaft gibt", so Hans Peter Peters. Fast die Hälfte der Befragten gibt an, dass erwartete positive oder negative "Publicity" schon einmal ihre Entscheidungen im Forschungsprozess oder bei Publikationen beeinflusst hat.
Ein weiteres Ergebnis der Befragung zeigt: Das Verhältnis der Wissenschaftler zu Medien und Öffentlichkeit ist nicht ohne Widersprüche. Über 60 Prozent wollen mit der Öffentlichkeit in einem "Dialog zwischen gleichberechtigten Partnern" kommunizieren. Allerdings gestehen nur 16 Prozent der Forscher der Öffentlichkeit genug Urteilsvermögen zu, um in der Forschungspolitik mitzureden.
Um eine möglichst repräsentative Auswahl zu erreichen, hat die Jülicher Arbeitsgruppe 475.000 Autoreninformationen von wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Büchern ausgewertet. Dann befragte sie online gezielt die daraus gebildete Stichprobe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 16 Fächern der Sozial-, Geistes-, Lebens-, Ingenieur- und Naturwissenschaften. Die Auswertung der fast 50 Fragen wird noch weitere Aspekte beleuchten: zum Beispiel wie Medienkontakte in unterschiedlichen Disziplinen von den Kollegen bewertet werden, oder, in welchen Fachbereichen Wissenschaftler besonders häufig Tageszeitungen lesen, Radio hören, oder Fernsehen gucken.
Mit dem Abschluss der Jülicher Befragung endet zunächst nur ein Teil eines größeren Verbundprojekts, das von der VolkswagenStiftung im Rahmen des Programms "Wissenschaft - Öffentlichkeit - Gesellschaft" gefördert wird. Außer den Jülicher Forschern sind auch Wissenschaftler der Universität Mannheim, der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Freien Universität Berlin beteiligt. In einer zweiten Auswertungsphase werden die Ergebnisse der Wissenschaftler-Befragung mit den Ergebnissen einer Journalisten-Befragung (Berlin) sowie einer Medienanalyse (Mannheim und Münster) zusammengeführt und gemeinsam analysiert. Damit sollen die Unterschiede zwischen Wissenschaftsdisziplinen dann nicht nur beschrieben, sondern durch ein theoretisches Modell der Beziehungen zwischen Wissenschaft und Medien auch erklärt werden. Weiterhin ist ab September 2011 eine Ausdehnung der Wissenschaftler-Befragung im Bereich Neurowissenschaften auf die USA und Taiwan geplant.
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