Neuartige Vliesstoffe leiten elektrischen Strom, aber keine Wärme
Hohes technologisches Potenzial
Forscher*innen der Universität Bayreuth stellen in "Science Advances" neuartige Vliesstoffe vor, die eine ungewöhnliche Kombination aus hoher elektrischer Leitfähigkeit und extrem niedriger Wärmeleitfähigkeit aufweisen. Die Vliese stellen einen Durchbruch in der Materialforschung dar: Mit einem einfach zu realisierenden Materialkonzept ist es gelungen, elektrische und thermische Leitfähigkeit zu entkoppeln. Die Vliese werden aus Kohlenstoff und siliziumbasierter Keramik im Elektrospinnverfahren hergestellt und sind attraktiv für technologische Anwendungen, zum Beispiel in der Energietechnik und Elektronik. Sie können kostengünstig im industriellen Maßstab hergestellt und verarbeitet werden.

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme von Fasern im neuen elektrogesponnenen Vliesstoff.
UBT
Normalerweise geht eine hohe elektrische Leitfähigkeit mit einer hohen Wärmeleitfähigkeit und eine niedrige Wärmeleitfähigkeit mit einer niedrigen elektrischen Leitfähigkeit einher. In vielen High-Tech-Industrien besteht jedoch ein wachsendes Interesse an multifunktionalen Materialien, die eine gute elektrische Leitfähigkeit mit einer geringen Wärmeleitfähigkeit verbinden. Mit diesem strategischen Ziel wurden beispielsweise dichte anorganische Materialien, konjugierte Polymere und Legierungen entwickelt. Doch im Bereich der flexiblen, faltbaren Materialien ist es immer noch eine große Herausforderung, eine extrem niedrige Wärmeleitfähigkeit mit einer hohen elektrischen Leitfähigkeit zu kombinieren.
Das Forscherteam an der Universität Bayreuth hat jetzt ein innovatives Konzept entwickelt, um diese Herausforderung zu lösen: Neue elektrogesponnene Vliese werden aus Kohlenstoff und siliziumbasierter Keramik hergestellt, sie bestehen aus Fasern mit einem Durchmesser zwischen 500 und 600 Nanometern. Jede Faser enthält eine Matrix aus Kohlenstoff. Darin sind winzige Bereiche, die nur wenige Nanometer groß und mit Keramik gefüllt sind, gleichmäßig verteilt. Diese Keramikphasen bilden winzige "Inseln" im "Meer" der Kohlenstoffmatrix und haben entgegengesetzte, sich ergänzende Wirkungen. Die Kohlenstoffmatrix ermöglicht den Elektronentransport in den Fasern und damit eine hohe elektrische Leitfähigkeit, während die Keramikphasen die Ausbreitung von Wärmeenergie ebenso wirksam verhindern. Das liegt daran, dass die Grenzfläche zwischen der nanoskaligen Keramik und der Kohlenstoffmatrix sehr stark ist, während die Poren des Vliesstoffs sehr klein sind. Infolgedessen kommt es zu einer starken Streuung von Phononen, den kleinsten physikalischen Einheiten von Schwingungen, die durch thermische Energie verursacht werden. Ein kontinuierlicher gerichteter Wärmefluss findet nicht statt.
Wie ungewöhnlich die Kombination aus hoher elektrischer und extrem niedriger thermischer Leitfähigkeit ist, zeigt ein Vergleich mit rund 4.000 anderen Materialien aller Art, darunter Keramiken, Kohlenstoffe, natürliche Materialien, synthetische Polymere, Metalle, Gläser und verschiedene Verbundstoffe. Elektronentransport und thermische Energieisolierung sind bei dem neuen elektrogesponnenen Faserverbundwerkstoff stärker gekoppelt als bei den anderen Materialien.
"Unsere elektrogesponnenen Vliese vereinen hochattraktive multifunktionale Eigenschaften, die normalerweise auf verschiedene Materialklassen verteilt sind: hohe elektrische Leitfähigkeit, thermische Isolierung, wie man sie von Polymerschäumen kennt, sowie Nichtentflammbarkeit und Hitzebeständigkeit, wie sie für Keramiken charakteristisch sind. Die Fasern basieren auf einem einfachen Materialkonzept und wurden aus handelsüblichen Polymeren hergestellt," sagt Erstautor Dr. Xiaojian Liao, Postdoktorand für Makromolekulare Chemie an der Universität Bayreuth. "Wir sind überzeugt, dass sich unsere neuen Fasern für mehrere Anwendungsbereiche eignen: zum Beispiel in den Bereichen Energiemanagement, batteriebetriebene Elektromobilität, intelligente Textilien oder Luft- und Raumfahrt," sagt Prof. Dr. Seema Agarwal, Professorin für Makromolekulare Chemie an der Universität Bayreuth und eine der korrespondierenden Autor*innen der neuen Studie. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bayreuther Forschungsteam, mit Expertise in den Bereichen keramische Werkstoffe, Polymere, Elektrospinnen, Physikalische Chemie und Elektronenmikroskopie, hat diesen großen Forschungserfolg ermöglicht.
Originalveröffentlichung
Xiaojian Liao, Jakob Denk, Thomas Tran, Nobuyoshi Miyajima, Lothar Benker, Sabine Rosenfeldt, Stefan Schafföner, Markus Retsch, Andreas Greiner, Günter Motz, Seema Agarwal: Extremely low thermal conductivity and high electrical conductivity of sustainable carbonceramic electrospun nonwoven materials. Science Advances (2023), Vol 9, Issue 13
Meistgelesene News
Originalveröffentlichung
Xiaojian Liao, Jakob Denk, Thomas Tran, Nobuyoshi Miyajima, Lothar Benker, Sabine Rosenfeldt, Stefan Schafföner, Markus Retsch, Andreas Greiner, Günter Motz, Seema Agarwal: Extremely low thermal conductivity and high electrical conductivity of sustainable carbonceramic electrospun nonwoven materials. Science Advances (2023), Vol 9, Issue 13
Themen
Organisationen
Weitere News aus dem Ressort Wissenschaft

Holen Sie sich die Chemie-Branche in Ihren Posteingang
Mit dem Absenden des Formulars willigen Sie ein, dass Ihnen die LUMITOS AG den oder die oben ausgewählten Newsletter per E-Mail zusendet. Ihre Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Die Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch die LUMITOS AG erfolgt auf Basis unserer Datenschutzerklärung. LUMITOS darf Sie zum Zwecke der Werbung oder der Markt- und Meinungsforschung per E-Mail kontaktieren. Ihre Einwilligung können Sie jederzeit ohne Angabe von Gründen gegenüber der LUMITOS AG, Ernst-Augustin-Str. 2, 12489 Berlin oder per E-Mail unter widerruf@lumitos.com mit Wirkung für die Zukunft widerrufen. Zudem ist in jeder E-Mail ein Link zur Abbestellung des entsprechenden Newsletters enthalten.
Meistgelesene News
Weitere News von unseren anderen Portalen
Zuletzt betrachtete Inhalte
"Molekularer Scharfmacher" entschlüsselt - Kristallstruktur vom Aktivator-Protein Furin aufgklärt
M&A-Volumen in Chemieindustrie steigt deutlich - PwC-Studie Chemical Compounds: Gesamtwert der Fusionen und Übernahmen klettert im ersten Halbjahr um mehr als 60 Prozent

Neue Erkenntnisse darüber, wie lange verbotene Chemikalien ihre Toxizität im Körper entfalten
Mit praktischem Leitfaden Chemikalien unter REACH registrieren - Am 31. Mai 2018 endet Registrierungsfrist für Chemikalien unter 100 Tonnen
Shell verkauft gut die Hälfte seiner britischen Nordsee-Ölproduktion
Neubau für Batterieforschungszentrum an der Uni Jena kommt - Gemeinsame Wissenschaftskonferenz fördert Forschungsbau mit etwa 28 Mio. Euro

Metallfreier Katalysator spaltet Wasserstoffmolekül - Katalysator mit Borverbindungen aktiviert Wasserstoff und erweitert dessen Anwendungsmöglichkeiten
Den Schwermetallen auf der Spur - Messverfahren zur Konzentrationsbestimmung im Staubniederschlag - Richtlinie VDI 2267 Blatt 15 Entwurf
Kunststofferzeuger zwischen Hoffen und Bangen

Dr. Reinschmidt Gefahrgutberatung - Weingarten (Baden), Deutschland
Anti-Aging-Elixier für Solarzellen
